08.09.2003 Von: VDS

"Berliner Appell" zur musikalischen Bildung in Deutschland


Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau beim Kongress Musik bewegt?! (Auszüge) – 08.09.2003

Es ist die Musik, die den Menschen zum ganzen Menschen macht. In ihr kommen Gefühl und Geist, Seele und Körper zur Einheit. Die verschiedenen Rhythmen unseres Lebens drücken sich in Musik aus. Unsere so unterschiedlichen Empfindungen und Seelenregungen – Schmerz und Trauer, Hoffnung und Liebe, Angst und Zuversicht – finden ihren wahren Ausdruck oft in der Musik.

Inzwischen sind sich die Forscher darüber einig, dass der Mensch die Musik wohl früher hatte als die Sprache. Tanz und Rhythmus, Ton und Klang sind vermutlich die ersten Ausdrucksformen menschlicher Kultur gewesen. "Ohne die der Mensch nicht kann...":

Noch nie in der Geschichte war Musik wohl so allgegenwärtig wie heute. Ob auf der Berghütte oder am Strand, ob in der U-Bahn oder am Flughafen, ob im Kaufhaus oder im Wartesaal, zu Hause oder im Auto: Musik ist überall. Durch "Tonträger", wie man zusammenfassend sagt, kann jede Art von Musik jederzeit und an jedem Ort gehört werden. Für die meisten jungen Menschen spielt Musik eine überragende Rolle.

An Musik herrscht also nun wahrlich kein Mangel in unserem Leben. Musik bewegt tatsächlich – und sie bewegt wirklich alle.

Und doch gibt es mit Recht Klagen und Sorgen. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Musik so allgegenwärtig ist – von ihrer Art und von ihrer Qualität habe ich ja bisher überhaupt nicht gesprochen -, ausgerechnet da wird das aktive Musizieren junger Menschen immer weniger. Und ausgerechnet in einer Zeit, in der man angesichts der Fülle des Angebotenen ein Gefühl und Kriterien für Qualität bräuchte, droht die musikalische Bildung zu verkümmern.

Die Klagen sind nicht neu, die Sorgen werden nicht zum ersten Mal vorgetragen. Die Gründe für ein aktives Musizieren und für eine gute musische und musikalische Bildung sind längst alle genannt, sie sind alle unbestritten, sie brauchen eigentlich nicht noch einmal von neuem wiederholt zu werden.

  • Inzwischen wissen wir alle, dass Musikalität der Intelligenz zumindest förderlich ist,
  • inzwischen wissen wir alle, dass musisch kreative Menschen auch in anderen Bereichen des Lebens zu größeren Leistungen fähig sind,
  • inzwischen wissen wir, dass die Bildungsmisere keineswegs bloß mit einer Verstärkung von Wissensfächern behoben werden kann,
  • inzwischen wissen wir, wie sehr das Gemeinschaftserlebnis im Chor oder im Orchester die soziale Kompetenz fördert,
  • inzwischen wissen wir, wie sehr ein guter musischer Unterricht, ob Kunst, Musik oder Theaterspielen, das allgemeine Lernklima an einer Schule positiv verändert,
  • und inzwischen wissen wir alle, welche Bedeutung das Erlernen eines Instruments für die Selbstdisziplin hat. Oder, wie es Otto Schily pointiert und richtig gesagt hat: "Musikschulen sind ein Beitrag zur inneren Sicherheit".

Wenn wir Kindern und jungen Menschen die Chance nehmen, selber zu musizieren und sich musikalisch zu bilden, dann berauben wir sie sehenden Auges um eine wesentliche Möglichkeit ihres Lebens. Mit Recht spricht man bereits von "musikalischer Versteppung" in Familien und Kindergärten, mit Recht wird angeprangert, dass der schulische und außerschulische Musikunterricht dramatisch verringert wird.

Wir müssen begreifen, dass musikalische Bildung keine private Nebensache ist. Es sollte vielmehr zu unserem gesellschaftlichen Selbstverständnis gehören, dass musikalische Bildung zu den ganz großen Gütern gehört, auf die unsere Kinder genauso Anspruch haben wie auf das Lernen von Schreiben, Lesen und Rechnen. Eine Schule, die nicht Verstand und Sinne gleichermaßen anspricht, kann jungen Menschen keine Orientierung geben. Darum ist es wichtig und richtig, nicht mehr darauf zu warten, dass dieser Entwicklung entgegengesteuert wird. Forderungen zu stellen ist gut, aber Beispiele zu geben und Zeichen zu setzen ist besser.

Und darum gibt es heute diesen Kongress, bei dem es darum geht, sich möglichst konkret Gedanken über die Möglichkeiten musikalischer Bildung zu machen – und deswegen wird es morgen im Schloss Bellevue ein großes Fest geben unter dem Motto "Musik für Kinder!"

Ermutigen möchte ich auch heute schon und von hier aus die vielen Menschen, die sich in den Schulen und Musikschulen oder wo auch immer dafür einsetzen, dass junge Menschen Freude an der Musik bekommen und behalten. Lassen Sie in Ihrem Engagement nicht nach. Sie erweisen unseren jungen Menschen und der ganzen Gesellschaft einen großen Dienst, und darum zum Schluss noch einmal: Wir brauchen Kreativität, wir brauchen Freude am Spiel, auch jenseits des Nützlichen. Wenn wir an Kürzungen denken, dann dürfen uns nicht immer zuerst Bildung und Kultur einfallen.

Lassen wir also in unserem Einsatz für musikalische Bildung nicht nach. Die Zukunftsfähigkeit unseres Landes und seine Lebensqualität hat auch mit dem Sinn für das Schöne zu tun, für das nicht Verzweckte, für das Musische. Und deshalb sind der heutige Tag und der morgige für uns, die wir hier sind, aber auch für alle anderen unendlich wichtig.


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