19.09.2008 Von: VDS

Der Bundesvorsitzende des VDS im Interview

Vollständiges Interview mit der Kongresszeitung der Bundesschulmusikwoche 2008 "BSW-Kurier", Ausgabe vom 18.9.2008, Stuttgart


Vollständiges Interview mit der Kongresszeitung der Bundesschulmusikwoche 2008 "BSW-Kurier", Ausgabe vom 18. 9. 2008, Stuttgart

Herr Nimczik, welche Rolle spielen die Bundesschulmusikwochen der Vergangenheit für Ihre eigene musikpädagogische Tätigkeit? Welche würden Sie als diejenige mit den bedeutendsten Weichenstellungen bzw. Konsequenzen ansehen?

Ich habe bis auf ein oder zwei Ausnahmen alle Bundesschulmusikwochen ab Ende der 1970er Jahre besucht. Zunächst als Student, dann als junger Musiklehrer. 1988 wurde ich zum ersten Mal eingeladen, um als Referent mitzuarbeiten. Ich war wahnsinnig aufgeregt, vor den „alten Hasen“ über Musik von Erik Satie und John Cage zu referieren. Es muss jedoch nicht ganz schlecht gewesen sein. Denn von da an wurde ich immer wieder um Mitarbeit gebeten. Allmählich kamen verschiedene Aufgaben im VDS auf mich zu, 2006 konnte ich die BSW in Würzburg wesentlich mitplanen und organisieren. Und nun, 2008, trage ich mit dem Bundesvorstand, in enger Zusammenarbeit dem Landesvorstand BW und unseren verschiedenen Kooperationspartner zum ersten Mal die Gesamtverantwortung für eine Veranstaltung mit fast 130 Referentinnen und Referenten und bald 180 Veranstaltungen. Übrigens, meine erste BSW als Referent war auch in BW, in Karlsruhe. Man könnte die jetzige BSW in Stuttgart somit fast wie ein 20-jähriges „Dienstjubiläum“ bezeichnen.

Ihre zweite Frage ist schwer zu beantworten. Sicherlich hat jede BSW wichtige Impulse gesetzt, mal stärker kultur- oder bildungspolitisch, mal stärker unterrichtsbezogen. Ich greife bewusst nicht in die Geschichte zurück, sondern nenne die schon angesprochene BSW 2006. Nicht aus Eitelkeit, weil ich dabei mithelfen konnte, sondern weil wir ein Thema („Stimme(n)“) gefunden hatten, dass gesamtgesellschaftlich (Rückgang des Singens) und unterrichtspraktisch auf den Nägeln brannte. Mein Eindruck ist, dass die Wirkung durchaus nachhaltig war und ist, so das Singen, ja der gesamte Bereich vokaler Praxis, eine neue, perspektivische Justierung in der Schule erhalten hat.

Das Thema „Begegnungen“ steht leitmotivisch über die diesjährigen BSW. Handelt es sich hier nicht um etwas, was im Grunde alle BSW seit den 50er Jahren ausgemacht hat?

Sie haben Recht, jede BSW war eine besondere „Begegnung“ im kommunikativen Austausch im wechselseitigen Lehren und Lernen. Doch die diesjährige Tagung hat ja auch noch einen Untertitel: Musik Regionen Kulturen. In der Spannung zwischen Haupt- und Untertitel gilt dann: Musik ist Begegnung! Wir begegnen ihr beim eigenen Musizieren und Zuhören. Beim gemeinsamen Musizieren und in der Ensemblearbeit kommt die Begegnung mit anderen Menschen hinzu. Im weiteren Sinne begegnet uns Musik in vielen Kontexten, z. B. mit anderen Künsten wie der Malerei, der Architektur oder der Literatur. Wir treffen auf Musik verschiedenster Genres, die durch verschiedene Regionen, Kulturen und Sprachen geprägt sind. In der Schule bietet der Musikunterricht spannende Erstbegegnungen mit der vielgestaltigen Welt der Musik, mit ihren Traditionen und unterschiedlichen Stilen, er sucht aber auch die Begegnung mit anderen Fächern. Zu all diesen Bereichen finden Sie spannende Kurse und workshops.

Das Thema geht aber auch in eine bildungspolitische Richtung. Gemeint sind die Chancen der musikalischen Bildung in Deutschland zum Zusammentreffen der institutionellen Bereiche, z. B. in der Begegnung und gemeinsamen Arbeit von Schulen und Musikschulen, in der Zusammenarbeit von Kindergärten, Schulen, Hochschulen und Musikverbänden. 

Gerade im zuletzt angesprochenen Bereich bietet die Bundesschulmusikwoche 2008 wiederum ein offenes Forum. Neben den bereits bewährten Kooperationen mit dem AfS, dem BDG und der DOV kommt in Stuttgart die Zusammenarbeit mit dem BDLO und der Jeunesses Musicales hinzu. Und noch ein Novum: In einer spezifischen Veranstaltungsschiene wird in Kooperation zwischen dem VdM und dem VDS ein Veranstaltungsprogramm geboten, das in Diskussionsrunden, Workshops und Seminaren die Zusammenarbeit von allgemein bildender Schule und Musikschule zum Thema hat. 

Stuttgart und Baden-Württemberg sind die Gastgeber der diesjährigen BSW. Wo sehen Sie – aus der Sicht der Schulmusik – die Stärken dieses Bundeslandes, wo wären auf der anderen Seite noch verstärkte Anstrengungen nötig?

Ich kann über die Praxis des Musikunterrichts in BW natürlich keine exakten Angaben oder gar repräsentativen Untersuchungen anbieten. BW pflegt sicherlich einen traditionsbewussten Musikunterricht, der leitet sich u.a. auch aus der großen Verbreitung von Lehrwerken ab, die von baden-württembergischen Musikpädagogen verfasst bzw. herausgegeben wurden. Ich denke dabei z.B. an die Verdienste von Bernhard Binkowski. Bei den Auswertungen unseres teamwork-Wettbewerbs „neue musik (er)finden“ ist mir aufgefallen, dass sich die Lehrer mit ihren Schülern sehr erfolgreich mit Neuer Musik auseinander setzen. Mehrere Preisträger kamen aus BW. So auch diesmal, sodass wir einen Hauptpreis nach Walshut und einen Förderpreis nach Freiburg vergeben konnten. Eine Stärke BWs ist der hohe Stellenwert des Singens und Musizierens sowie die Kooperationen mit außerschulischen Kulturträgern, wie den Musikvereinen. Nun aber noch etwas Kritisches: Das Aufgehen des Faches Musik in einen Fächerverbund innerhalb der Grund- und Hauptschule halte ich für einen Fehler. Gerade im Blick auf den kontinuierlichen Aufbau musikalischer Kompetenz ist die eigene Dignität des Faches äußerst wichtig.

Mit dem VDS und dem AfS gibt es zwei Verbände in der BRD, welche die Schulmusik vertreten. Wäre es nicht musikpolitisch günstiger, man würde stets mit einer Stimme sprechen? Halten Sie langfristig ein Zusammengehen beider Verbände für möglich und sinnvoll?

Beide Verbände haben ihre individuelle Geschichte. Diese wurde bestimmt durch durchaus unterschiedliche Auffassungen und einer Profilierung in unterschiedlichen Bereichen. Der VDS war schwerpunktmäßig gymnasial geprägt. Der AfS kümmerte sich um die Musiklehrer der anderen Schulformen und auch um fachfremd unterrichtende Lehrer, die keine künstlerische und musikpädagogische Ausbildung haben. Ab den 1980er Jahren kam allmählich Bewegung in die Verbandsstrukturen. Beide Verbände haben ihre Arbeitsfelder geweitet. Inzwischen sind sie auch personell durchmischt und kooperieren auf Landesebenen wie auf der Bundesebene. Natürlich lassen sich geschichtliche Prägungen und ideologische Fixierungen bei Mitgliedern und Funktionsträgern auf beiden Seiten nicht von heute auf morgen auslöschen. Sehr positiv ist die Zusammenarbeit aller musikpädagogischer Verbände im Rahmen ihrer Föderation. Vielleicht kann sich die Föderation ja zu einer Art Dachverband weiterentwickeln, dem die einzelnen Verbände Sektionen ausmachen. Das ganze ist ein Prozess, dem ich interessiert und engagiert entgegensehe.

Sie sind jetzt seit wenigen Jahren Bundesvorsitzender des VDS. Welches sind die Ihre nachhaltigsten Eindrücke der bisherigen Amtszeit und welche Perspektiven haben Sie sich selbst für die kommenden Jahre gesetzt?

Ja, der nachhaltigste Eindruck für mich entstand bei einer Preisverleihung im Wettbewerb „musik gewinnt“, die ich zusammen mit dem Juryvorsitzenden, dem Kollegen Dieter Zimmerschied im Mai 2007 in Hamburg vorgenommen habe. Ein erster Preis ging an die dortige Förderschule Hirten. Die ausgezeichneten Schüler konnten nicht zur offiziellen Preisverleihung in die Philharmonie in Köln kommen, sie sind nämlich auf Rollstühle und viele andere Hilfen angewiesen. Es handelt sich um eine Schule für Körperbehinderte, die ein ganz umfängliches Musikprogramm aufgebaut hat: Unterstufenchor, Oberstufenchor, eine Schülerband namens „Die heißen Reifen“, Feriensingen, Begegnungskonzerte, „Live Music Now“-Konzerte, Musiktherapie, eine Projektwoche Musik und die Disco– all dies gehört dazu. Bei der Preisverleihung konnte ich erleben, welchen herausragenden Stellenwert Musik und Musikunterricht bei der Förderung dieser Schülerinnen und Schüler hat. Das Engagement der Musiklehrer dort kann nicht größer sein. Das ist beispielhaft.

Die Arbeit der Zukunft ist zunächst einmal durch die regelmäßige Wiederkehr unserer Großereignisse bestimmt: 2009 Schulen musizieren in Hamburg, 2010 Bundesschulmusikwoche in Frankfurt a.M., 2011 Schulen musizieren in Bremen etc. 

Verbandsintern möchte ich die Kommunikation zwischen Landesverbänden und Bundesvorstand weiter verbessern. Wir sind bei dieser Arbeit gut gestartet, sie kann aber weiter optimiert werden. Ebenso möchte ich unsere Internetpräsenz und unsere Öffentlichkeitsarbeit ausbauen. Und dann ist da noch etwas: Der VDS wird sich zukünftig (stärker als bisher) dafür engagieren, dass das Recht auf geistiges Eigentum und auf den Wert und die Anerkennung der Kreativität gewahrt sein müssen. Das illegale Downloaden, Kopieren und die Schulhofbrennerei sind kein Kavaliersdelikt, weil sie den Musikern und Komponisten ihren ihnen zustehenden Anteil des Erlöses vorenthalten. Im Kontext eines Projektes „RESPECT“, das von 2009 – 2011 durchgeführt wird, will sich der VDS, auch wenn er weiß, dass dies unbequem ist, zusammen mit anderen musikpädagogischen Verbänden und Fachzeitschriften verstärkt dafür einsetzen, dass alle am Prozess der musikalischen Verwertungen Teilnehmenden auch das ihnen Zustehende erhalten. Neben entsprechenden Lehrerfortbildungen werden wir zwei Wettbewerbe durchführen. Den VDS-Landesvorsitzenden wird das Projekt auf der Bundesschulmusikwoche am Freitag im AK „Schutz der Kreativität – Urheberrecht als Frage an die Musikpädagogik“ vorgestellt.


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