Rau zum DOV-Jubiläum
Wenn wir Musik und Kunst für die Sahne auf dem Kuchen halten und nicht für die Hefe im Teig, dann verstehen wir unsere Gesellschaft falsch.
Bundespräsident Johannes Rau zum Stellenwert des Musikunterrichts. Auszüge aus dem Grußwort zum fünfzigjährigen Bestehen der Deutschen Orchestervereinigung (Berlin, 13.05.2003)
(...) Wie sieht es mit der Saat der Musik in unserer Gesellschaft aus? Wird das Musizieren zum aussterbenden Tun in unserem Lande? Droht die Diskussion über die Kosten und den Nutzen den Wert zu überlagern, den die Musik (...) für uns alle hat?
Seit ich in dem Amt bin, das ich gegenwärtig innehaben darf, gehe ich von Land zu Land und von Stadt zu Stadt und werbe dafür auch, die Pisa-Studie nicht so misszuverstehen, als gehe es nur um naturwissenschaftliche Kenntnisse und nur um Wettbewerb. Es geht nie nur um die Köpfe, es geht nie nur um den Intellekt. Eine Familie, eine Schule, eine Gesellschaft, die nicht Sinne und Verstand anspricht, die kann jungen Menschen keine Wegweisung geben.
Die "öffentliche Armut" wie sie gelegentlich genannt wird, also die Krise der öffentlichen Haushalte macht natürlich auch vor der Kultur nicht halt. Die Bühnen und Orchester hat sie schon längst erreicht.
Ich habe bei manchen Diskussionen den Eindruck, dass der Stift zum Streichen besonders kräftig ist, weil Kultur in unserem Lande nicht immer als Pflicht betrachtet wird, nicht als Pflichtaufgabe, sondern als Kür. Wir müssen aber darauf achten, dass noch so notwendige Maßnahmen Kosten zu senken, nicht die Substanz (...) gefährden.
Wenn ich dennoch zuversichtlich bin, dass wir die Fähigkeit haben, die vorhandenen Probleme zu lösen, dann hat das mehrere Gründe, von denen ich einige kurz nennen will:
- Es hat sich herumgesprochen, dass uns viele in der Welt um den Reichtum der deutschen Orchesterlandschaft beneiden. Ich erfahre das auch auf meinen Reisen.
- Unsere kulturelle Identität speist sich in besonderer Weise aus dem musikalischen Schaffen vieler Jahrhunderte.
- Viele Institutionen und Verbände, namhafte Stiftungen und Unternehmen fördern unterschiedliche Bereiche der Musik. Sie alle haben längst erkannt, Musikkultur darf nicht zu einem Luxus werden, den sich immer weniger Menschen leisten können.
- Viele lieben immer wieder die Atmosphäre eines Konzertsaals und die lebensfördernde Kraft der Musik. Manche lassen es eben nicht beim passiven Genuss bewenden, sondern sie helfen und sie unterstützen.
(...) Wir müssen etwas tun, um als Kraftverstärker für die Musik in diesem Land etwas zu erreichen. Ich will Ihnen dazu gerne eine persönliche Erfahrung erzählen:
Vor einiger Zeit war ich eingeladen zu einem Konzert nach Peenemünde. Unter der Leitung von Rostropowitsch wurde das War-Requiem von Benjamin Britten gespielt. Es sang ein deutscher Knabenchor und einer aus Coventry in England. Es fand statt in der großen Halle, in der früher die V2 produziert wurde und es war gedacht als ein Versöhnungskonzert. Michail Gorbatschow nahm teil für die russische Seite, ich für die deutsche. Da schrieb mir ein elfjähriger Junge, die Schule habe ihm nicht freigegeben. Er dürfe nicht mitsingen. Er habe an diesem Tag Erdkunde, Geschichte und Musik.
Ich habe dann in der Schule angerufen und gesagt bekommen, dass das Arbeitsverhalten dieses Knaben etwas zu wünschen übrig ließe. Dann habe ich gefragt: Wenn der Elfjährige im Chor singt, Englisch hat er auch, er trifft Schüler aus Coventry und er lernt, wo das liegt, und er erfährt, was in Coventry geschehen ist mit deutschen Bomben, vielleicht erzählt er dann von Dresden. Meinen Sie nicht, er hätte an diesem Tag mehr Bildungserlebnisse als ihre Schule ihm bieten kann?
Er hat frei bekommen. Er hat mir versprochen, sich zu bessern. Seine Arbeitshaltung wird lobenswert werden. Er hat seine Geografie- und Geschichtskenntnisse erweitert und ich glaube, das war ein wichtiges Bildungserlebnis.
Ich will mit diesem Beispiel nicht nur von meinen Telefongesprächen erzählen, sondern ich glaube, dass es zu Anerkennung und weiterer Förderung führen muss, wenn Kinder Musik machen, auch wenn sie im Chor singen. Wenn wir das so bei Seite schieben, wenn wir Musik und Sport und Kunst für die Sahne auf dem Kuchen halten und nicht für die Hefe im Teig, dann verstehen wir unsere Gesellschaft falsch.
V.
Ich will deshalb im Herbst einen Tag machen im Schloss Bellevue, einen Projekttag "Musik für Kinder" mit Initiativen aus allen Teilen unseres Landes. Viele Musiker werden helfen von der Popmusik bis zur klassischen Musik.
(...) Ich wünsche mir mehr Rückhalt und mehr Rückenwind für Schulmusiker und für private Lehrer. Ich wünsche mir, dass wir merken: Der ganze Mensch ist hier gefordert, der ganze Mensch bedarf der Bildung, des Profils, des Gesichtes. Hermann Hesse hat einmal gesagt: "Gestaltlose Nebel begegnen sich nie."
Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie jeder an seinem Platz mithelfen können, damit unsere Welt reicher wird, im Hören und Zuhören.

