Rau zum GEMA-Jubiläum
„Musikalische Bildung ist mehr als PISA“
Bundespräsident Johannes Rau zum Stellenwert des Musikunterrichtes.
(Auszüge aus dem Grußwort zum hundertjährigen Jubiläum der GEMA in Berlin 02.05.2003)
(...) Wir diskutieren heute über die Folgen der demographischen Entwicklung für unsere sozialen Sicherungssysteme. Das ist nötig und das ist richtig. Genauso nötig ist es aber, darüber nachzudenken, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn es immer weniger junge Menschen gibt, die selber Musik machen, weil an Musikschulen oder an der musischen Bildung in den Schulen gespart wird.
Bei mancher Diskussion um Einsparungen in diesem Bereich habe ich die Sorge, dass wir uns in einigen Jahren verwundert die Augen reiben werden, wenn Kreativität oder Neugier auf Kreativität nicht mehr nachwachsen, oder wenn wir erkennen, dass Talente sich nicht haben entfalten können, wie sie es verdient hätten.
Darüber müssen wir öffentlich sprechen, damit kein Schade im Interesse unserer Kinder entsteht. Da geht es auch um die kulturelle Zukunftsfähigkeit unseres Landes.
Ich weiß mich mit vielen Institutionen und vielen Verbänden in diesem Ziel einig. Als ich mir vor einiger Zeit überlegt habe, was ich dazu beitragen könnte, dem Thema wieder den nötigen Rang zu verschaffen, ist die Idee eines Projekttages "Musik für Kinder" entstanden. Ich lade für den 9. September musikalische Initiativen und Projekte ins Schloss Bellevue und in den Schlosspark ein. Sie sollen stellvertretend für viele andere dazu anstiften, dass Kinder und Jugendliche nicht nur Musik hören, sondern auch selber Musik machen.
Was ich schon heute vom Programm weiß, das zeigt mir, es kann mit ganz einfachen Mitteln gelingen, Kinder und Jugendliche zum musizieren anzustiften. Ich möchte die natürliche Bereitschaft, die Neugier fördern, zu singen oder ein Instrument zu spielen. Vielleicht entsteht daraus eine Aktion, die all denen hilft, die sich um musikalische Bildung und Erziehung in Deutschland kümmern und die damit zur Menschenfreundlichkeit, zur Lebensqualität und zur kulturellen Zukunftsfähigkeit unseres Landes beitragen.
(...) Die Musikerziehung in Deutschland muss – auch in Zeiten knapper Kassen – einen hohen Stellenwert behalten und sie muss ihn zurückgewinnen, wo sie ihn verloren hat.
Bildung ist mehr als Pisa. Musikalische Bildung erst recht. Wir brauchen Bildung und Erziehung auch jenseits von Nützlichkeit und Verwertbarkeit. Wir müssen den Boden bereiten für Kreativität. Und wenn daraus später einmal auch Erfolge im ökonomischen Sinne wachsen, Erfolge in Euro und in Cent, dann wird das meine Freude jedenfalls nicht schmälern.

