Musizieren für Millionen
Musikalische Bildung macht klug - Der Schulunterricht jedoch ist aus dem Rhythmus
Chor und Orchester, Trommel-Workshop und Keyboard-AG, Bläser- und Streicherklassen: Der Stellenwert von Musik an Hessens Schulen wächst. Vor allem Mittelstandseltern legen großen Wert auf die musikalische Bildung ihres Nachwuchses, seit Hirnforschung und Pädagogen deren Bedeutung etwa für die Intelligenz und die Persönlichkeitsentwicklung nachgewiesen haben. Doch die Lehrer für das Fach sind rar, und nur ein Bruchteil der Schulen kommt in den Genuss der zahlreichen ambitionierten Musikprojekte.
Das Kultusministerium wirbt um Quereinsteiger: "Das Fach Musik ist innerhalb des Lehramtes an Gymnasien und innerhalb des Lehramtes an Haupt- und Realschulen als hessenweites Mangelfach eingestuft", berichtet der Sprecher des Ministeriums, in Wiesbaden, Alexander Hirt. Absolventen eines Musikstudiums, ob von Uni, Hochschule oder Konservatorium, könnten aber als Quereinsteiger auf Musiklehrer umsatteln. Um mehr Fachkräfte für Grund-, Haupt- und Realschulen zu gewinnen, biete das Amt für Lehrerbildung zudem einen Weiterbildungskurs, der mit einer Staatsprüfung abgeschlossen werde, so Hirt.
"Die Ausbildung muss besser werden", verlangt der Landesvorsitzende des Verbands der Schulmusiker Hessen (VDS), Volkhard Stahl. Die Schulpädagogik komme in der Ausbildung zu kurz, der Fokus liege zu sehr auf den künstlerischen Fähigkeiten. Die Hochschulen sollten ihre Aufnahmeprüfungen entsprechend modifizieren und etwa auch darauf achten, wie Bewerber mit Ensembles umgehen, und Gruppen leiten. So könnten vielleicht auch mehr junge Menschen dazu bewegt werden, Musik für das Lehramt zu studieren.
Nach Einschätzung von VDS und dem Landesverband der Musikschullehrer (VdM) fehlen vor allem in den Grundschulen geeignete Fachkräfte. Gerade in der Grundschule falle Musik oft zugunsten von Kunst oder Werken aus, sagt VdM-Geschäftsführer Hans-Joachim Rieß. "Allen Kindern ab dem Kindergartenalter muss freier Zugang zur Musik ermöglicht werden - vergleichbar mit Mathe und Sprachen", fordert er. Der Unterricht sei oft auch noch zu theoretisch. "Man muss Musik machen. Das ist wie im Sportunterricht, wo man auch nicht über den Sport redet." Vielen Schulen fehlten dafür aber die Möglichkeiten. "Musikunterricht darf kein Privileg sein. Die musische Erziehung ist für alle da", betont auch Stahl. "Davon sind wir noch weit entfernt."
So sei ein Programm wie "JeKi" (Jedem Kind ein Instrument) zwar erfolgreich, könne aber nur an etwa 70 von mehr als 1000 hessischen Grundschulen angeboten werden, und auch dort immer nur einigen Jungen und Mädchen, bedauert Rieß. Ziel von "JeKi" ist es, auch den Kindern einen Zugang zu Musik und zum Musizieren zu ermöglichen, in deren Familien das Thema nicht groß geschrieben wird. Denn Musikunterricht und die Anschaffung oder Mietkosten für ein Instrument können sich viele nicht leisten. Auf rund 30 Millionen Euro pro Jahr beziffert Rieß die Personalkosten, um das "JeKi" wirklich allen Grundschülern anbieten zu können. Seines Erachtens eine vertretbare Größe im 4,1 Milliarden Euro schweren Haushalt des Kultusministeriums.
von Ira Schaible
Die Welt, 16. 8. 10

